LESE- UND HÖRPROBEN
Weitere Leseproben finden Sie hier.
Dezember 2020
Aus dem Roman «Splitter»

 

Jetzt hat er einen dieser Augenblicke erwischt, die wie ein Bergahorn im Nadelwald stehen: Ein wunderbar geformtes Blatt, während die anderen nur mit Stechwerk aufwarten können.

So sollte das Leben immer sein, denkt Ernst. In Momenten, in denen die Existenz über klare Ränder verfügt, wächst die Bedeutung des Seins ins Grenzenlose.

Er betrachtet die Häuserfassaden, die an ihm vorbeiziehen. Hinter einem Balkongeländer kann er zwei Gartenzwerge ausmachen; eingesperrt in dem unbegrünten Ersatzgarten und frech grinsend, während die Sonne die Farbe auf ihren gegossenen Hüten und Laternen ausbleicht.

Pane E Vino. Glasklar sieht er das Schild wieder vor sich und glaubt zu hören, wie Sophia lachen musste, nachdem sie die Übersetzung vernommen hatte: Wer will denn schon irgendwo einkehren, wo es nur Brot und Wein gibt? Mutter hatte auf Jesus verwiesen, doch für das kindliche Ohr war er kein Referenzwert.

Jetzt habe ich so alt werden müssen, denkt er, milde beunruhigt, und legt den Kopf an die Scheibe.

[...]

Das Gebäude wirkt furchteinflössend und klotzig, so wie manche Menschen aus der Ferne furchteinflössend und klotzig wirken und es beim Näherkommen doch selten sind. Auch dem Gebäude ist diese menschliche Besonderheit eigen; der Eingang schrumpft auf erträgliche Grösse, die Wände rücken zur Seite und machen Platz für Ernsts zögerliche Schritte.

Er lacht, dann durchfährt ihn die Angst wie ein Stich: Ein Krankenhaus. Und er ist zum Test geladen. Ausgerechnet heute, an einem Tag, an dem die Gedanken ganz dünn und blass sind; es mangelt ihnen an Konsistenz und Kohärenz. Vielleicht muss er wieder bescheissen, andere mit einem Trick von sich überzeugen; es hängt viel am Test.

Was hängt am Test?

Der Spezialist ist eine Spezialistin. Ungeheuerlich: Nun soll also eine Frau seinen Geisteszustand beurteilen!

Er soll doch bitte eine Uhr zeichnen; es sei 19:30.

Es irritiert ihn, dass er halb acht zu zeichnen hat; immerhin ist Nachmittag. Die Aufgabenstellung könnte bereits Teil des Tests sein; es gilt wohl zu eruieren, ob er ein Gefühl für die Tageszeit habe. Er setzt die Zeiger deshalb auf 15:00; das könnte ungefähr hinkommen.

Kafka – Amerika – sie haben ihm sogar den Salami gestohlen. Ernst lacht.

Beim Merken der Wörter ist er heute ganz gut. Vielleicht, weil es einfache Wörter sind, zudem alles häufige Nomen. Ein Tisch ist ein Tisch.

Dann befällt ihn wieder Angst: Vielleicht ist auch das eine Falle. Warum konfrontiert man ihn mit so simplem Vokabular? Oder haben sie vielleicht schon entschieden, dass er geistig abgebaut ist? Dass es in seinem Denken keine Inkonvenienzen und Ambivalenzen mehr gibt? Dass er sich nicht mehr echauffieren kann, wenn sich ein Gegenüber partout nicht eloquent ausdrücken will, sondern zu impertinentem Geschwafel neigt? Er ist doch nicht infantil!

Er fragt sich, ob er jetzt etwas sagen soll; ob jetzt der Moment gekommen ist, mit Wörtern um sich zu schlagen, die andere ganz kleinlaut werden lassen, doch er entscheidet sich dagegen.

Die Frau trägt dünne, hautfarbene Söckchen, die sich bestimmt keiner langen Lebensdauer werden rühmen können. Ähnlich wirkt ihr Auftritt: Ein hauchdünnes Gewebe nur scheint ihr Inneres von der Aussenwelt zu trennen, und es hätte Ernst nicht verwundert, wenn sie ob seines ungnädigen Blickes zusammengebrochen wäre.

August 2020
Aus dem Roman «Splitter»

 

Das Ehepaar hat ihn begrüsst, als würde es ihn kennen. Der Mann gross und hager; man sieht ihm den Langweiler schon von weither an, die Frau klein und hager; ein Kapuzineräffchen; es tötelt in ihrem Gesichtchen. Die beiden werden ihn verwechselt haben; er hat ja durchaus ein Allerweltsgesicht und in seiner Generation heissen viele Leute Ernst.

Hätte er sich dennoch in das Gespräch schicken sollen? Aber es ist ihm unangenehm, mit Fremden zu sprechen; er will den Spaziergang fortsetzen, dafür ist er ja schliesslich aus dem Haus getreten.

In letzter Zeit traut er sich selbst nicht ganz (kennt er die beiden doch?); es fällt ihm auf, dass er manches verwechselt – vieles ist sich schlichtweg zu ähnlich –, und ab und zu schleichen sich Wörter aus dem Gedächtnis, nur um Minuten später wieder keck an die Vordertür zu klopfen. Die Welt kippt dann. (Können Seen kippen? Er glaubt, so etwas gelesen zu haben.) Sein Gesichtsfeld verengt sich dadurch wie beim Grünen Star, jedoch nicht das äussere Sichtfeld; es handelt sich um eine innere Erfahrung. Ernst nimmt die Verengung mitunter wahr, die Verarmung, die mit einem gleichzeitigen Aufquellen in Kuriositäten einhergeht. Etwas Nebulöses ist seiner Welt eigen geworden; zum ersten Mal wird ihm bewusst, mit wie viel Sinnlosigkeit der Mensch tagtäglich konfrontiert wird, nicht zuletzt in der Interaktion mit seinesgleichen. Eine Anstrengung ist es, mitzugehen und so zu tun, als sei man ein gewiefter Weltensegler.

Dann wieder kommen Tage, an denen alles ganz unbeschwert und gut läuft: Da liegt der Park, dort spazieren die Wältis, hier sind die Topflappen verstaut. Das Buch (»Das denkelnde Schilfrohr« von Henri Roorda) liest sich flüssig (zumindest während der ersten zwanzig Minuten, dann beginnen die Augen zu brennen). Alles logisch und glasklar; wäre das Sein eine Prüfung, würde er mit Bravour bestehen.

Ein kleiner Schreck hat sein Nervensystem zumindest temporär erlitten, als er das Notizbuch gefunden hat. Für Sekunden hat er geglaubt, er kämpfe schon länger mit Aussetzern; er hat Vorfälle festgehalten, die an eine ernstliche Erkrankung denken lassen oder an grosse Müdigkeit – er hat schlecht geschlafen in den letzten Wochen, ist eingeklemmt in der Beziehung zu Hanne, und der Kontakt mit Beatrice ist eingegangen wie ein Wollpullover im Tumbler (durchaus noch als Beziehung erkennbar, doch signifikant geschrumpft und wenig tragbar). Dann fällt ihm das Experiment ein, da steht sogar »24.01.: Hanne hat Habichtblick«. Die Virtuosität seiner Formulierungen macht ihn stolz (Alliterationen hat er schon als junger Mann geliebt; wenn er damals jenes Buch geschrieben hätte, hätten sie Eingang in den Text gefunden), seine Handschrift hingegen scheint ihm erstaunlich ungelenk und krakelig; so hat er seine Schrift nicht in Erinnerung.

Etwas schmerzt ihn furchtbar, als hätte er einen schlimmen Schicksalsschlag erlitten, einen Verlust; ein glühendes Eisen brennt sich durch die Eingeweide, aber er kann nicht nachvollziehen, woher das Gefühl stammt. Spaziergänge trösten ihn, auch solche im eigenen Haus: Gehen, um des Gehens Willen. Im Gehen liegt eine Kraft, die der Ruhende nicht nachvollziehen kann.

April 2020
Aus dem Roman «Splitter»

 

Er blickt aus dem Fenster und erinnert sich nicht. Manchmal muss er an den Tod denken, doch meist tabuisieren die mentalen Sturzbäche den stillen Gast. Hanne steht im Türrahmen; er glaubt, ihren Blick an seinem Hinterkopf fühlen zu können und dadurch zu einer erhöhten Sehfähigkeit bemächtigt zu werden. Als würden sich ihre Blicke kumulieren; ihr Sehen durch seine Augäpfel bis in die Welt hinein. Dort drüben am Hang ein gelbes Feld (ein Wort, fast wie Schnaps); von hier alles ganz klein; es sieht aus, als würde gelber Blütenstaub auf dem grünen Filz der Hügel kleben.

»Du hast also eine Tochter«, sagt Hanne, und er denkt: Nur die Wurst hat zwei.

»Es scheint so«, sagt er.

»Ich will, dass du mich anschaust.«

Wie soll er das tun, wenn doch das Feld konstant betrachtet werden will in seinem fellhaften Gelb? Er reisst sich vom Anblick los und dreht sich um.

»Hast du das gewusst?«, fragt sie.

»Nein«, erwidert er und spürt den Stich der Lüge. Er hat es gewusst, zumindest fast. Da sind Erinnerungen, aber wenn er sich ihnen zuwendet, entziehen sie sich. Sie fliehen aus der Reichweite seiner Bewusstheit, und er greift ins Leere. Wenn er so tut, als würde er die Erinnerungen nicht packen wollen, kriechen sie aus den Schatten und beglotzen ihn frech, und er, dazu verdammt, sie aus den Augenwinkeln zu betrachten, wagt nicht mehr, den Kopf zu drehen. Manchmal lässt ihn das verzweifeln, dann wieder findet er zu einer ungekräuselten Resignation.

»Was bedeutet das für uns?«, fragt Hanne.

»Nichts.«

Was soll es schon bedeuten. Das ist keine Krebsdiagnose; jetzt ist er halt auch noch Vater, so, wie er schon Sohn, Bruder, Ehemann ist.

Er muss an die anderen Erinnerungen denken; jene, die nicht in den Schatten verschwinden; er als Bub, und Sophia.

»Sie hat mir ihre Nummer dagelassen. Sie will, dass ich sie anrufe.«

»Das will sie?«, fragt er. Kurzzeitig hat er den Faden verloren; das Gespräch hat sich ausgedünnt, ist in die Länge gewachsen, dabei aber zweidimensional geblieben.

»Ja.«

»Warum?«

»Weil wir uns Sorgen machen. Um dich. Etwas stimmt nicht mit dir.«

»Das war doch nur ein Scherz«, sagt er. Die leisen Rufe des Gelbes dringen an sein Ohr.

»Das glauben wir nicht.«

Aha, wir. Die Frauen. Sie fliehen nie aus der Reichweite seiner Bewusstheit, aber auch hier greift er ins Leere.

»Ich will nicht, dass du mit ihr sprichst«, sagt er.

»Warum nicht?«

Das weiss er selbst nicht. Es gibt vielleicht Kreise, die haben sich nicht zu überschneiden; Menschen, die dürfen sich nicht verbinden. Es hat mit goldenen Rändern zu tun.

Er zuckt mit den Achseln. »Tut, was ihr nicht lassen könnt.«

Wieder huscht eine Erinnerung in den Schatten; er hätte nicht hinschauen dürfen; Lots Weib wäre zur Salzsäule erstarrt.

Februar 2020
Aus dem Roman «Splitter»

 

Vielleicht ist alt das neue Jung; Ernst hätte mit dreissig niemals so aus dem Fenster blicken können; es ist, als wäre mit der sich schleichend bemerkbar machenden Sehschwäche ein erstaunlicher Zuwachs der Erkenntnisstärke einhergegangen. Er fragt sich, ob man Assoziationen selbst gebärt, so, wie man selbst die Unruhe im Herzen aus dem Muttermund negativer Gedanken presst. Kein Wunder tut Ernst das ständig; aus Mutters Mund war viel Negatives gekommen, und das hat Ernst wohl verinnerlicht, und doch ist ihr zu vergeben, denn hat sie nicht eine Tochter verloren?

Dort drüben regnet es, und Ernsts Füsse sind ganz kalt.

Also, was schreibt man einer Frau? Frauen lesen anders; sie scheinen vier Augen zu haben: die zwei üblichen, dann das Handschriften-Auge, gekoppelt mit einem eigenen Hirnareal, dessen Aufgabe einzig (und dadurch natürlich hoch kapazitiv) darin besteht, die Form der Buchstaben exakt zu studieren und gewagt zu interpretieren, und noch ein viertes Auge, ein für den Mann unberechenbares; ein Auge, das dem Inhalt die eigene Gefühlslage überzustülpen vermag, so dass das Geschriebene nicht selten eine gänzliche neue und mit keiner Textstelle belegbare Bedeutung erfährt.

Ein Regenbogen – das kann man niemandem erzählen; das würde keiner glauben.

Ernst findet die Briefe von Hanne ganz zuunterst in der Schublade – ja, er hat diese Briefe noch immer, so, wie Marisol den Ring noch immer trägt.

Wenn man einer Frau schreibt, wie eine Frau schreiben würde, kann man vielleicht ganze Berge versetzen und Meere teilen. Warum macht er sich immer über das Religiöse lustig, zieht es zu Beschreibungen heran, um dann innerlich darüber zu urinieren? In Frankreich ist er beim Besichtigen einer Kirche in einen Abdankungsgottesdienst im Freien geplatzt; ein geschniegelter Herr hat sich aus der Gruppe der echt oder vermeintlich Trauernden gelöst und an die Friedhofsmauer gepisst, und Ernst hat gehofft, dass der Löwenzahn aus Dankbarkeit dadurch länger blühen würde.

Er beginnt innerlich aufzuquellen wie Leinsamen im warmen Wasser, und die Empfindungen finden kaum noch Platz im Körper.

November 2019
Aus dem Roman «Splitter»


Er weiss nicht, in welchem Stadtteil er ist; er hätte aufpassen sollen beim Hinlaufen, aber da ist er ja so verwirrt gewesen vor Freude und Einsamkeit.

Eine Uhr mit römischen Zimmern. Zimmern? Ziffern. Es ist kalt. Er ist müde. Erst 18:25.

Wie läuft man los, wenn man den Weg nicht kennt? Eilig, strebsam, im Stechschritt? Oder zögerlich, sodass jedermann sieht »Da kommt einer, der nicht weiss, wo er hinwill«?

Wenn er das Handy mitgenommen hätte, könnte er Hanne anrufen. Er könnte eine Telefonkabine suchen, aber er kennt keine Nummer auswendig. Und was hätte er sagen sollen? »Ich finde nicht nach Hause?«

Ob er einfach wieder in die Bar soll? Für eine weitere Stunde? Aber was denkt dann der Barkeeper? Die Schöne ist gegangen, der Alte hängt noch hier rum?

Er entscheidet sich für ein Café auf der gegenüberliegenden Strassenseite, trinkt einen Milchkaffee (und isst ein Stückchen Kuchen dazu) und starrt nach draussen. Ein junges Pärchen läuft vorbei; er hübsch und schlank, sie weder das eine noch das andere. Ernst ist unangenehm berührt vom optischen Graben zwischen den beiden und dann von seinen eigenen Gedanken; vielleicht ist sie belesen, klug und witzig; was masst er sich überhaupt an, das Aussehen zu beurteilen? Und was ist aus seinem Schönheitsbegriff geworden? Aus seinen ach so noblen Werten? Manche seiner Werte haben seit Jahren Hochkonjunktur, während bei anderen grosse Fluktuationen zu verzeichnen sind; ein Kommen und Gehen in Denken und Handeln.

So einer will Ernst nicht sein; er will langfristige, wertvolle Wert leben, solche, die meilenweit als Leuchttürme sichtbar sind, und er – ein Leuchtturmwärter ohne jeglichen Dünkel – oben in der verglasten Kabine. Und da ist er auch schon, der Dünkel; Ernst grinst.

Er winkt den Kellner zum Bezahlen; der Mann sagt, es koste dann zehn Franken fünfzig. Dann? Wann?

Ernst kramt eine Note aus dem Portemonnaie und bittet den Mann, auf zwölf aufzurunden. Der Kuchen – wenngleich lächerlich klein – ist gut gewesen und der Kaffee – wenngleich aus einer handelsüblichen Kaffeemaschine – hat gewärmt.

Der Keller blickt irritiert. So hoch ist das Trinkgeld nun auch wieder nicht, findet Ernst und beharrt auf den zwölf Franken.

»Aber«, merkt der Kellner an (er ist gross und krumm), »Sie haben mir nur zehn Franken gegeben.«

Ernst verneint; er sieht die Zwanzigernote in des Kellners Hand (ein wunderbarer Genitiv) und erinnert sich, dass er mit acht Jahren für ein Fünffrankenstück eine Nacktschnecke abgeleckt hat.

»Sehen Sie!«, sagt der Kellner und zeigt ihm die Note.

Tatsächlich steht da eine Zehn darauf – natürlich; die roten Noten sind ja die Zwanziger! Ernst lacht und gibt dem Mann einen zweiten Zehner; in dieses Café wird er nie wieder gehen; der Kuchen war zu trocken, der Kaffee zu wässrig und die Bedienung doch eher unfreundlich.

Er tritt in die kalte spätherbstliche Nacht und geht nach Hause. Am Gartentor fällt ihm auf, dass er den Heimweg ja doch kennt, und er lacht.

September 2019
Aus dem Roman «Splitter»

Klappentext:
Demenz. Ernst Walthers Leben nähert sich dem Magneten der Endlichkeit, und immer mehr der mentalen Dateien werden von der Festplatte gelöscht. Walther – im Glauben, er sei kerngesund – wagt ein Selbstexperiment und versucht, eine Demenzerkrankung vorzutäuschen. Die Grenze zwischen der Realität und Walthers Selbstversuch beginnt zu verwischen.

Leseprobe:
Als Ernst Walther die Augen öffnet, erkennt er zweierlei: Die Öffnungszeiten seines Lebens waren von 26 bis 32 und von 48 bis 60. Und: Die Scheisse, die einem im Laufe des Lebens widerfährt, birgt das Potenzial, den Charakter zu adeln.



Hörproben:

Prolog des Romans "Splitter" - gelesen von Mirjam Richner
00:00
3. Kapitel des Romans "Splitter" - gelesen von Mirjam Richner
00:00
2018 - 2021: Roman «Robin»
Prolog

Der Wind zerrt an Haaren und Kleidern.

Würden Sie mir eine Landkarte vorlegen, so könnte ich Ihnen nicht sagen, wo ich mich befinde, zumindest nicht ohne längeres Suchen. Wissen Sie, ich erkenne so etwas nicht auf Karten.

Wie gerne würde ich Ihnen erzählen, ich hätte mein Handy in den Atlantik geworfen; ich möchte in Ihren Augen tollkühn erscheinen. Oder wahnsinnig, das wäre mir auch recht.

Ich heisse Robin. Wäre ich als Junge zur Welt gekommen, hätte ich Pascal geheissen. Verrückt, nicht wahr? Als Jugendliche habe ich mich immer mit den Worten »Ich heisse Robin – und man schreibt’s, wie man’s sagt: mit Doppel-N und H« vorgestellt. Oder mit »Robin, wie das Gemüse«.

Nein, das stimmt nicht, bitte entschuldigen Sie. Das ist mir spontan eingefallen; ich weiss nicht, warum ich Ihnen das erzählt habe. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, ein humorvolles Kind gewesen zu sein – obwohl: Ein humorvolles Kind war ich wohl, es hat eher an genuiner Fröhlichkeit gemangelt. Wahrscheinlich hat da schon alles begonnen. Oder noch früher, vielleicht schon im Mutterleib oder noch vor meiner Zeugung, möglicherweise gar Generationen zurück in eine Zeit, in der Krokodile noch Fische gewesen waren.

Cover Roman «Robin»
 
PUBLIKATIONEN
Doro & Miri - Bild & Lyrik
Ein Projekt von Dorothea Rock und Mirjam Richner in Zusammenarbeit mit Coq d'Art, April 2020

eingesperrte Orchideen
Teil 1 von 4, 05.04. - 11.04.20

Blut und Blüten
Teil 2 von 4, 12.04. - 18.04.20

Zwerge im Zwirn
Teil 3 von 4, 19.04. - 25.04.20

Wildwuchs
Teil 4 von 4, 26.04. - 30.04.20

!COVER 02.jpg
Am Denken habe ich mich geschnitten
Lulu Press, 2021

Mit ihrer surrealen, spielerisch reflektierenden Lyrik weckt Mirjam Richner innere Bilder. »Am Denken habe ich mich geschnitten« ist eine Sammlung von rund fünfzig Gedichten und Gedankenschnipseln über das Sein, Werden und Vergehen.

Das_Kind.jpg
Das Kind
Lulu Press, 2019

»Inspiriert von Peter Bichsel habe ich begonnen, Dinge umzubenennen; ich habe dem Kind eine Vielzahl alltäglicher Wörter mit entfremdeter Bedeutung beigebracht. Doch ich befürchte, dass das Kind intelligent ist, eines Tages in die Welt hinausgeht und innert Stunden die Sprache lernt, die ich ihm nie vermitteln wollte. Die jahrelange Mühsal wäre umsonst gewesen, ein Hohn wäre das, ein Grund mehr, das Kind zu zerbrechen, ihm eine unüberwindbare Angst vor dem Lernen einzuimpfen und sein Gehirn zu blockieren, nachdem es sich am Fehlwissen satt gefressen hat.«
 

Mirjam Richner erzählt verstörende Geschichten mit gnadenlosem Humor.

Das unterhaltsame und geistig anregende Werk dreht sich um soziale Experimente, Chancen, Verluste und weittragende Entscheidungen.

Cover_bettlägerige_Geheimnisse.JPG
Bettlägerige Geheimnisse
Eggingen, Collection Montagnola, 2016

In den vier Geschichten dieses Bandes geht es um Schlüsselerlebnisse, die dazu führen, dass die Hauptfiguren ihr Leben neu gestalten und endlich zu ihrem wahren Ich finden. Es geht um die Befreiung von gesellschaftlichen Normierungen und um Fragen, die uns alle beschäftigen: das Leben kurz vor dem Tod, das Menschsein in all seinen Schattierungen, die eigene Identität, innere Spannungen bis hin zum großen Vakuum, die Suche nach dem, was hinter bestimmten Grenzen liegt. Kurz gesagt: Mirjam Richner hat bewegende Geschichten an der Baumgrenze des Seins geschrieben.

Weitere Publikationen:

«Gott im Wirtshaus» (Kulturmagazin JULI, 2016)

«Bettlägerige Geheimnisse» (als Hörfassung von WDR, 2012)

«die Tür» (Geschichtenband Danke, gut, 2012)

Ausschnitte aus «Splitter» (Aargauer Zeitung, Ausgabe vom 20.11.2010)

«Matt.Scheibe» (Aarauer Neujahrsblatt, 2009)

«Gelb» (Tango, 2009)

MEDIEN

Doch nicht nur in ihrem Roman «Splitter» schreibt die Autorin den Figuren körperliche Sensibilität ein. Eine Gemeinsamkeit mit ihr selbst, nimmt sie doch kleinste Details wahr, beobachtet scharf und gibt die gewonnenen Eindrücke präzis weiter.

Anna Kardos, Aargauer Zeitung, 23.06.2012

Mirjam Richner liebt die Welt des Surrealen, des Phantastischen, des Geheimnisvollen und verknüpft und konfrontiert die Schicksale ihrer Figuren mit der harten Realität. So erleben wir die Protagonisten ihrer Texte sowohl als Alltags- wie auch als Kunstfiguren.

Und das ist eine Aufgabe der Literatur: die Transformation von drängenden Themen des Alltags in sprachlich geglückte Kunstwelten, einmal erzählend, einmal spielerisch reflektierend, im inneren Monolog oder Dialog.

Begleittext zum Ausschnitt aus «Splitter», Aargauer Zeitung, 20.11.2010

Der an der Alten Kantonsschule Aarau als Maturaarbeit entstandene Fantasy-Roman «Das Ich In Sich», war ihr erster längerer Text. Eine krebskranke Frau sucht in einer fantastischen Welt aus Nymphen, Trollen und Zwergen einen Umgang mit ihrer Krebsdiagnose zu finden. Wieder geht es um Schicksalsschläge und um ihre Verarbeitung. Auch in ihrer Kurzgeschichte «Matt.Scheibe» (2009), wo eine Frau ihre Beine verliert und über einen imaginären Freund wieder in den Alltag zurückzukehren sucht, ist die Fantasie Flucht, Fluch und Segen zugleich.

Julia Stephan zum Werkbeitrag Aargauer Kuratorium, Aargauer Zeitung, 04.10.2010

Immer stärker umspinnt dabei die Fantasie der Ich-Erzählerin die Realität mit originellen, eigenständigen Bildern und Gedankenschnipseln einer übersteigerten Fantasie. Und die Grenzen zwischen Innen und Aussen lösen sich zusehend auf, wenn Richner schreibt «Wirre Klänge verbeissen sich in die Ohrmuschel».

Trotz einiger Bruchstellen im mäandernden Text entwickelte ihre Lesung einen Sog. So mochte man die anschliessend recht harsche Kritik der Jury, der Text sei «zu surreal» oder «im Wahn nicht konsequent genug» nicht immer nachvollziehen.

Anna Kardos über «Bettlägerige Geheimnisse», Aargauer Zeitung, 06.07.2012

 
 
BIOGRAFIE

Mirjam Richner, 1988 in Aarau geboren, wuchs in Unterentfelden auf. Seit dem 14. Lebensjahr verfasst sie Kurzgeschichten, Novellen und Romane.

Nach mehrjähriger Unterrichtstätigkeit auf der Oberstufe in den Fächern Deutsch, Mathematik, Biologie und Chemie sowie als Klassenlehrerin und Heilpädagogin arbeitet sie nun im Personalwesen. Sie absolviert zurzeit berufsbegleitend die Ausbildung zur MBSR-Lehrerin (Achtsamkeitsmeditation), die sie voraussichtlich im Sommer 2021 abschliessen wird. Die Ausbildung zur Yoga-Lehrerin ist ab Herbst 2021 geplant.

Mirjam Richner erhielt mit zwölf für einen von ihrer Deutschlehrerin eingeschickten Aufsatz die erste literarische Auszeichnung. 2009 veröffentlichte sie erstmals Kurzgeschichten. Sie erhielt 2010 und 2020 einen Förderbeitrag vom Aargauer Kuratorium und nahm 2012 an den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil.

 

Im Januar 2016 erschien ihr erstes Buch «Bettlägerige Geheimnisse» als Teil der Collection Montagnola von Klaus Isele, 2019 und 2021 folgten bei Lulu Press «Das Kind» und «Am Denken habe ich mich geschnitten».

AUSZEICHNUNGEN

«Splitter» (Roman, Neufassung):

24.09.2020 vom Aargauer Kuratorium

2012 nahm Richner als jüngste Leserin an den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil.

Die Lesung und anschliessende Kritik zum Text «Bettlägerige Geheimnisse» wurde live über 3sat ausgestrahlt.

«Splitter» (Novelle):

2010 vom Aargauer Kuratorium

«Nur Menschen und Menschen» (Kriminalroman):

2009 von der Rentsch-Stiftung in Olten

«Kurzgeschichten über Lausanne» (Geschichtenband):

2008 von der PH FHNW

«Das Ich in Sich» (Fantasyroman):

2007 von AULA

 
VERANSTALTUNGEN
Aktuelle Termine
Bücherregal

Sommer 2021

Olten

Datum folgt!
L
esung aus dem Manuskript «Splitter» in Olten, Vernissage mit Skizzen von Dorothea Rock zum Roman.

traditionelle Bibliothek

02.11.2019

Erlinsbach

Lesung aus dem Manuskript «Splitter» im Restaurant Wygärtli in Erlinsbach, Repair Café. Lesebeginn: 13.00 Uhr

Frühere Termine

12.09.2019, Aarau

Buchvernissage «Das Kind» im Medienzentrum der Alten Kanti


04.05.2019, Oberentfelden

Tag der offenen Bürsti


27.05.2016, Lenzburg

im Rahmen der Sofalesungen

05.07.2012, Klagenfurt (A)

Tage der deutschsprachigen Literatur

21.10.2009, Aarau

Gasthaus Roggenhausen

20.03.2009, Olten

Kunstmuseum

24.02.2009, Lenzburg

Aargauer Literaturhaus

 
KONTAKT
Schreiben Sie mir!

Vielen Dank für Ihre Anfrage!